Aber die Sache hat auch einen gewaltigen Haken: In ihrem Land, das sie vertritt, sind die Grundwerte wie Toleranz (findet sie seeeehr wichtig) etc. noch nicht sonderlich ausgeprägt und diese Mißstände werden durch das Image des Königshauses, irgendwo zwischen niedlich bis modern, ziemlich verschleiert. Bei Jordanien handelt es sich, hart ausgedrückt, um einen autoritären Polizeitstaat mit Ansätzen demokratischer Institutionen und zivilgesellschaftlicher Entwicklung, die aber in kritischen Fragen durch die vom Königshaus der Hashemiten gesteuerte Regierung unterdrückt wird. Klar, geht es schlimmer, ein Blick nach Syrien, Saudie Arabien, Iran, Lybien und wohl auch Ägypten zeigen noch krassere Verletzung elementarer Menschen- und Freiheitsrechte, aber in Jordanien, wie erwähnt, wird das ganze durch ganz, ganz, ganz viele Bilder vom freundlichen Königspaar mit ihren niedlichen Kindern verschleiert.
Ein paar Beispiele zur Situation in Jordanien:
Jordanien liegt auf der „Reporter Ohne Grenzen“ – Rangliste auf Platz 128 von 173 Ländern der Welt. Der Jahresbericht 2008 (PDF) etwa berichtet von Einschüchterung von kritischen Journalisten durch die „state security police“ und von Selbstzensur. Letzteres, so erfuhr ich aus persönlichen Gesprächen, bedeutet, dass man bei vielen Themen einfach weiß, dass es irgendwie nicht geschrieben werden sollte. Die Gesetze sprechen zwar nicht vo Zensur, heben aber Begriffe wie „Tradition“, „kulturelle Werte“ oder „nationales Interesse“ hervor, was ein riesen Einfallstor für alle möglichen Eingriffen ist. So sind Themen wie Homosexualität etwa ganz oben auf der Tabuliste, aber auch Kritik an Israel ist nicht gerne gesehen, wenn es nicht gerade allgemeiner Art ist, wie etwa bei Auseinandersetzungen im Gaza-Streifen. Sobald Jordanien selbst betroffen ist, hat kritische Berichterstattung so unterbleiben, wie ich von einem führenden Wirtschaftsjournalisten erfuhr. Er wies etwa auf die Landkäufe durch israelische Investoren im Grenzgebiet hin, die nicht nur positiv zu sehen sein. Darüber zu schreiben, gerade in gedruckten Zeitungen bzw. Magazinen oder im TV, sei undenkbar. Auch die Behandlungen von Problemen im Land folgt einem relativ einfachem Schema. Will man ein Problem ansprechen, etwa das Steigen von Lebensmittelpreise gerade zum Ende des Ramadans, so sollte man tunlichst darauf warten, dass die Regierung bzw. das Königshaus dieses Problem anspricht und den Artikel nach dem Motto: „Das Königshaus (bzw. Regierung) bekämpft Preissteigerung!“ – andere Form von Kritik könnte nämlich so wirken, als würde die Exekutive versagen. Klar gibt es Abstufungen, aber sich kritisch über das Königshaus zu äußern ist in journalistischer Form kaum möglich.
Ein Ausweg dafür bietet das Internet. Dank der zahlreichen Internetcafés im Land, na ja in Amman, boomt die Blog-Szene. Hier wird (noch) offene Kritik geübt, aber auch hier wurde, zumindest während meines Aufenthaltes, ein gesetzliches Eingreifen diskutiert, was zu Protesten der Journalie führte. Über den aktuellen Stand der Diskussion bin ich nicht informiert.
Lesenswerte, englischsprachige Blogs sind Black Iris of Jordan und 7iber.com (journalistische Internetgrassrootbewegung).
Amnesty International berichtet über ungerechte Prozesse, Folter, die Anwendung der Todesstrafe, die Ausnutzung von ausländischen Arbeiterinnen etc.
Human Rights Watch verweist ebenso auf Folter und Mißhandlung in den Gefängnissen sowie auf die mangelnde Kritik an der „falschen Demokratie“ durch die sog. westlichen Staaten.
Freedom House zählt Jordanien zu den „partly free“ Ländern und listet zahlreiche politische Maßnahmen auf, die genau entgegen ein mehr freiheitlich organisierten Gesellschaft wirken bzw. nicht umgesetzt werden, obwohl sie sinnvoll wären.
Und da gäbe es noch genügend andere Themen wie die Stellung der Frau, sexuelle Selbstbestimmung, die Rolle der palästinensischen und irakischen Flüchtlinge, die Behandlung der Beduinen, die Schere zwischen Arm und Reich, ökologische Probleme, das Bildungssystem, latenter bis manifester Antisemitismus etc.
Das alles soll natürlich nicht Königin Ranias Initiative schlechtmachen. Die von ihr angegriffenen Vorurteile sind tatsächlich schlimm. Aber: Es ist schon ein gewisser „double standard“, der hier etabliert wird.