Die Frauenbewegung hat ein Problem. Jahrelang bemühte frau sich um die Gleichberechtigung von Mann und Frau im Beruf, doch dabei liegt das Problem nicht etwa an gesellschaftlichen Strukturen, sondern an der biologischen Grundausstattung. Frauen wollen einfach nicht Karriere machen! Alles für die Katz also, findet zumindest der SPIEGEL in einer seiner letzten Ausgaben unter dem Titel „Die Biologie des Erfolgs- Warum Frauen nach Glück streben – und Männer nach Geld!“ (erschienen am 22.09.2008). Und so sehen das wohl auch die einleitenden Beispiele Kim, Sonia und Anita – alle mal auf dem Karrieretrip gewesen, dann aber ausgestiegen und total andere, ‘weibliche’ Berufe gewählt.
Der These der biologischen Determiniertheit von ‘weiblicher’ und ‘männlicher’ Erwerbsbiographie ist in der heutigen Zeit nicht gerade sonderlich beliebt und so lässt sich annehmen, dass sich die AutorInnen etwas rebellisch gefühlt haben müssen, als sie sich an den Artikel machten: Der SPIEGEL begräbt die Frauenbewegung, oder: „Biologie und Psychologie rühren an den Grundfesten der Frauenbewegung“ wie es direkt im Text heißt. Der Teaser verspricht großes, hält es aber nicht. Vielmehr darf sich Susan Pinker über tolle Werbung für ihr neues Buch „Das Geschlechterparadox“ freuen. Dessen Thesen bilden die Grundlagen des Artikels. Die Psychologin und Journalistin Pinker forschte in „Berufsbiographien zahlreicher Frauen [...], die Fälle ihrer Patientinnen und Hunderte wissenschaftliche Veröffentlichungen“ und daraus den Schluss gezogen: Nicht gesellschaftliche Strukturen und Prozesse, im SPIEGEL gefährlich auf ‘Doing Gender’ verkürzt, spielen die wesentliche Rolle, sondern unsere genetische und hormonelle Ausstattung. Besonder betont wird, dass die Quellen von „Elite-Wissenschaftlern an den angesehensten Universitäten“ stammen. Daraus macht sie ein offensichtlich erfolgreiches Buch und tourt damit um die Welt – und die unkritische Werbung im SPIEGEL wird sie sicherlich freuen.
Der SPIEGEL belässt seine Argumentation nicht bei der Populär’wissenschaft’, sondern zieht auch andere ForscherInnen herbei, die mit ihren Studien den angeblichen Unterschied erklären. Dass diese Studien sehr umstritten sind, gibt der SPIEGEL nicht wirklich an, wie etwa bei Mädchenmannschaft gut belegt wird. Annotiert wird etwa eine Studie des Psychologen Simon Baron-Cohen, der schon bei Säuglingen einen Geschlechtsunterschied entdeckt haben will, der sich daran zeigt, dass ‘Jungen’ sich eher für ein Mobile als für das Gesicht einer weiblichen Studentin interessieren. Die SPIEGEL-AutorInnen sind dabei aber großzügig und gestehen, dass sein Experiment bisher nicht bestätigt wurde, aber – es wird alltagsweltlich -: „Gerade Kleinkinder lassen um Abschaffung der Geschlechterklischees bemühte Eltern oft verzweifeln. Kleine Jungs, pädagogisch ambitioniert mit einer Barbie beglückt, schrauben am Püppi bestenfalls herum wie ein Ingenieur; Mädchen wiederum sind durch nichts zu bewegen, die angebotenen Autos anzurühren.“ Sprachlich ist das vielleicht ein schönes Bild, beweist Baron-Cohans These aber auch nicht. Das Bild ist vielmehr ein ‘Ablenkungsmanöver’ von der Tatsache, dass mit der bis dahin relativ ‘wissenschaftlich’ verankerten Argumentation gebrochen wird. Da werden die Größe von Hirnbereichen verglichen, Meßwerte zitiert, doch bei Baron-Cohan wird mit einer zweifelhaften Phänomologie des Alltags geschlossen um über den Fakt hinwegzukommen, dass sein Experiment bisher nicht wiederholt worden ist. Das gilt aber als einer der Grundvorraussetzungen für eine wissenschaftliche Theorie. Warum lässt sich sehr eindrucksvoll an dem Beispiel der angeblich fühlenden Wasserkristalle nachvollziehen (-> Sehr prominent in dem New-Age-Sekten-Propaganda-Film: „What the Bleep Do We Know?“). Eine weitere, Studie, die im Artikel angeführt wird, besagt, dass sich Geschlechterunterschiede dort am stärksten zeigen, wo sie am wenigsten zu erwarten wären: In den ‘westlichen’ Industriegesellschaften – und nicht etwa in traditionellen Stammesgesellschaften. Diese Studie scheint die ForscherInnen tatsächlich etwas überrrascht zu haben und der SPIEGEL versucht sich in der Interpretation: Vielleicht könne erst, wenn die Möglichkeiten der freien Entfaltung gegeben sein, den ‘biologischen’ Triebkräften Tribut gezollt werden. Das lässt sich aber auch anders interpretieren, vergisst der SPIEGEL aber darzustellen, wird aber glücklicherweise im Salon Broadsheet dokumentiert.
Mit der ganzen Autorität der wissenschaftlichen Argumentation im Rücken wird nun die Arbeitswelt betrachtet und warum Frauen dort weniger Karriere machen (können oder wollen). Schließlich sei nicht angedacht, dass Frauen vor den Herd zu stellen (von Eva Hermann und reaktionären Rollenbildern will sich der Artikel bemüht absetzen), sondern die ‘männlichen’ Spielregeln müssten gebrochen werden und die Arbeitswelt ‘verweiblicht’ um Karrieren von Frauen zu fördern. Die ‘natürlichen’ Fähigkeiten von Frauen – Kommunikation, Empathie – müssten stärker betont werden, während dem ‘männliche’ Konkurrenzdenken Einhalt geboten werden müsse. Das ist nicht neu, sondern im feminstischen Diskurs schon seit den 70ern ziemlich populär.
Überhaupt: Wo ist eigentlich die Erschütterung der „Grundfeste der Frauenbewegung“, die die AutorInnen postulieren? Was der SPIEGEL unter Frauenbewegung versteht ist relativ klar: Simone de Beauvoirs Ausspruch „Man wird nicht als Frau geboren, sondern dazu gemacht“ zielt darauf ab, dass Geschlecht gesellschaftlich konstruiert wird, die Rolle, die Männer und Frauen einnehmen sollen, wollen und müssen, also nicht von Natur aus vorgegeben sind. Nun kommt der SPIEGEL im Jahr 2008 und sagt: Ha! Die Biologie sagt aber ganz was anderes! Frauenbewegung, ihr macht da einen Fehler! Blöd nur, dass diese Diskussion – gemessen an dem Alter des Diskurs – schon ein quasis-biblisches Alter hat. Den der Beauvoirische Gleichheitsfeminimus konstituiert nicht die gesamte Frauenbewegung, die ohnehin wesentlich komplexer und heterogener ist, als es dargestellt wird (eigentlich stellen sie es gar nicht dar). So gibt es schon lange die Strömung des Differenzfeminismus , die genau diesen Unterschied zwischen den Geschlechtern betont, was sehr übersichtlich hier nachzulesen ist. Was im SPIEGEL als Sensation erscheint – schließlich ist es Titelthema – ist eigentlich ein alter Hut. Von einer Erschütterung der „Grundfeste“ zu sprechen, ist also ziemlich übertrieben, eher ist es ein weiterer Beitrag zu einer jahrzehntealten Debatte.
Vollkommen unerklärt bleiben die zahlreichen Diagramme über Frauen und Männern in bestimmten Berufsgruppen. Es bleibt nur zu hoffen, dass die AutorInnen nicht den Eindruck erwecken wollen, dass dies alles ‘biologisch’ begründbar wäre…
Fraglich bleibt weiterhin, warum die Rolle der Wissenschaft bei der Reproduktion von Geschlecht, Sexualität etc. nicht hinterfragt wird, aber das geht schon etwas weit.