Damaskus zu beschreiben. Es fällt schwer. Alt, groß, sehr groß. Schön, schmutzig, verwegen. Es ist die perfekte Frau. Der Gegensatz zu Amman ist riesig. Amman, geplant am Reißbrett, irgendwie steril, keine Seele, kein Leben. Damaskus, verwinkelt, wild, lebendig. Es lebe das Schwarz-Weiß-Denken der Liebe des Verliebten - ich wäre gerne geblieben, es waren dann doch nur drei Tage. Eine Affäre. Eine heftige.
Zusammen mit meinen Mitbewohnerinnen Helena und Veronika ging es am Freitag mit einem Bus gen Damaskus. Aufregend vor allem für Veru und mich, denn wir hatten kein Visum und es gibt so einige Horrorstories von der Grenze. Hoffnungsschimmer, weil Helena ein Visum hat und schon mehrmals da war und das vielleicht positiv für uns sein könnte. Eine Stunde nach Amman, die Grenze, monumentale Grenzbauten, alles sehr übertrieben. Auf jordanischer Seite der König, auf syrischer Seite Assad, die Bilder gleichen sich, die Personen sind unterschiedlich. Der Grenzbeamte ist nett, aber „fi mushkila“ - kein Visum, doch mit viel Lächeln, aufpoliertem Arabisch und mit Unterstützung des jordanischen Studierendenausweises klappt es dann doch. Ein kleiner Rundgang im Grenzgebiet – zur Bank 32 US-Dollar (für Deutsche, Tschechen zahlen 28, Menschen aus dem Kongo 253), Syrien braucht Devisen, in syrisches Geld umtauschen, zur „Briefmarkenstelle“, syrisches Geld in Marken umtauschen, wieder zur Passstelle, Briefmarken in Pass kleben lassen, Visum bekommen, bedanken und sich freuen. Der obligatorische Stopp am Duty Free Shop, dann sind wir in Syrien. Wenig Leben am Highway, Straße im schlechten Zustand, kaum möglich zu lesen, Landschaft passieren lassen, Eindrücke sammeln. Warum steht da ein solches Haus? Palast praktisch, aber im Nirgendwo.
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Damaskus nährt sich, die Vorstädte, die ersten Stadtviertel. Sieht anders aus als Amman. Älter, grüner. Häuser, die aussehen wie aus den 50ern, nicht schön, aber eine Abwechslung zum uniformen Wir-bauen-einen-weiteren-weißen-Kasten-in-Amman. Ankunft an der Busstation, aber nicht dort wo wir hin wollten. Konfusion. Wo ist die richtige Station? Ist sie 700 Meter weg, wie der Busfahrer meint, oder sieben Kilometer, wie der schelmige Taxifahrer meint. Wir trauen dem Busfahrer, der hat keinerlei wirtschaftliches Interesse an uns mehr. Ein Fehler! Taxifahrer hatte recht. Dann also doch mit einem Minibus fahren. Interessantes Konzept diese Minibusse – Tür aufreißen, rein springen. Schnell springen, denn gewartet wird nur kurz. Ankunft am richtigen Busbahnhof, treffen Lukasch und Marusch, Freunde von Heli und Veru aus Pilsen. Wiedersehen! Zu Fuß Richtung Übernachtsungsmöglichkeit. Es grünt so grün, so viele Bäume, so viele Menschen. Wir sind noch nicht in der Altstadt, aber ich bin schon der Stadt verfallen. So viel grüne Bäume. Wenig Menschen hier, es ist Freitag, die Stadt entspannt sich. Fast in der Altstadt, Assad, Big Brother, der freundlich schauende Diktator, er grüßt uns von einem monumentalen Poster. „Syria believes in you“, steht da. Glaubt an wen? Glaubt Syrien an seine Einwohner, an die Touristen oder doch an den Diktator? Fragen über Fragen, doch wir eilen. Eilen durch die Ruinen in die Markstraße, dessen Namen ich vergesse habe, er ist bekannt und im Reiseführer sicherlich nachzulesen. Ein Kilometer überdachte Geschäftsstraße, kaum Menschen, da Freitag, alles, fast alles geschlossen. Eindrucksvoll. Ankunft an der Moschee. Eine alte Mosche, eine große Mosche. Die Mosche der Ummayaden. Keine Zeit zum Gucken, fürs erste, gehen weiter. Viele Läden mit allerhand Kitsch oder orientalischen Sachen ziehen vorbei, enge Gassen, es wirkt wie eine Film oder sind die Filme wie die Stadt. Welche Filme eigentlich? Kann mich gar nicht erinnern, einen Damaskus-Film gesehen zu haben. Egal. Gassen, enge Gassen, große Gassen, verzweigte Gassen und schiefe Häuser. „Ah, my friend, where do you come from??? Look at my shop.“, Nee, will ich nicht. Will Gepäck loswerden.
Mehr Gassen, Kunst, syrische Flaggen und Assad. Überall dieser Assad. Lächeln muss er aber noch lernen. Wirklich. Ankuft an unserer Unterkunft. Ein Innenhof mit angrenzten Räumen, dank an den Heizlüfter, es ist warm im Raum. Das Klo neben der Küche, keine richtige Tür. Strange, aber ich bleibe ja nicht lange. Leider. „… ich machte mir mein Bild von hier, nur darauf keinen Reim…“ Kann man mit leben. Gepäck abgelegt, es geht weiter. Stadt erkunden. Raus aus der Tür, durch die Gassen Richtung christliches Viertel. Weihnachtsbäume! Mitten in Damaskus. Viele Menschen, Freitag kümmert die Christen nicht. Viele Läden, viel zu kaufen. Viel Luxus, liberaler Lifestyle, liberale Menschen? Das Konzept funktioniert scheinbar. Speise die oberen Zehntausend mit den Luxus der Welt, D&G, Visa und Pepsi, dann sind sie ruhig. Für den Rest gibt es den Geheimdienst. Buchläden, überall Buchläden. Die Bibel, Hans Wehr und „Mein Kampf“, komische Auswahl. Weiter geht es, ins jüdische Viertel. Ruhig ist es, sehr ruhig. Ach ja, Schabet, alle im Haus, nicht viele Schritten gehen, lautet das Dogma bis Samstag Abend. Egal, wir erkunden die Stadt auch gerne alleine. Durch die Gassen, plötzlich in einem Hinterhof. Tut uns leid um die Privatssphäre, aber es fühlt sich keiner gestört, glaube wir, es ist ja keiner da. Ein Bauhof tut sich auf, trinken Tee mit einem Mann, sprechen Arabisch, machen viele Fotos. Ich mache viele Fotos. Quantität statt Qualität. Wie Amman. Nicht wie Damaskus.
Weiter geht’s. In welchem Viertel sind wir eigentlich? Egal, es ist schön hier. Die Sonne beginnt unterzugehen, wir sind im Künstlerviertel, Gallerien, Bildhauer, Hausrenovierungen. Wieder eine Sackgasse gefunden, kein Ausweg, müssen zurück. Viele Katzen laufen herum, nähren sich von dem, was keiner mehr isst und wegwirft, niedlich, aber auch ziemlich ekelig. Jetzt ist es fast dunkel. Schön. Damaskus bei Nacht ist unglaublich. Staune und macht Photos, unterhalte mich wenig, „Ne Luvim Czezski“, leider, denn Helena, Veru, Lukasch und Marusch sprechen Tschechisch. Ab in ein Restaurant. Pizza, Eis, Kuchen und Milchshakes. Wenig bezahlt, alles ziemlich billig hier. Wieder in der Unterkunft, kurz entspannen. Marush nach Hause bringen, er wohnt nicht in der Altstadt, wohnt außerhalb, wohnt schön. Oder auch nicht, aber in der Nacht sind alle Katzen grau und Damaskus schön. Tschüss sagen, wie zurück in die Altstadt, Moschee bei Nacht genießen. Toll. Der Mond. Auch sehr toll.
Zurück gen Unterkuft. Kein Wasser mehr. Wollte eh nicht duschen, aber Klospülung wäre schon toll. Einschlafen. Aufwachen. Frühstücken. Zum Nationalmuseum. Tolles Museum, glaube ich, Stadt hat mich erschlagen und ich habe wenig übrig gerade für alte Münzen. Aber dennoch interessant. Militärmuseum ist geschlossen. Schaden eigentlich, soll lustig sein, aber auch irgendwie verstörend. Selbst der einst abgeschossene israelische Jet ist nicht mehr da. Syrien feier seine geringen militärischen Erfolge. Sollen sie doch. Wen interessiert die Politik, wenn es Damaskus gibt. Bücher shoppen, kaufe meine Bibel, geschrieben von Hans Wehr. Nur 15 Euro. Guter Preis! Sehr guter Preis! Mädchen wollen shoppen bzw. tun es einfach. Ob mir langweilig sei, ich gucke so. Nein, mir ist nicht langweilig, ich bin nur im Stand-By-Modus. Meine Funktion beschränkt sich auf. „You look cute with that“, „Yes, that is what we call „kitsch“ in Germany“, „No, I dont wanna buy something“, „I am fine“. Sind inzwischen in der Marktstraße. Alles offen, alles voll. Socken werden angeboten, brauche aber keine. Will auch kein Teeservice, ich atme einfach nur. Trenne mich von den Mädels, die Mädels trennen sich von einander. Jeder für sich. Warte vor der Moschee, lese über die Grundsätze einer diskurstheorie internationalen Regierens. Überzeugt mich gerade nicht. Vielleicht fehlt die ideale Sprechsituation. Wer weiß. Treffe Chalid aus dem Hotel in Petra, er ist gerade in Syrien und wollte Veru einen Teppich bringen, aber vom Teppich keine Spur. Veru genervt von ihm, er will sie mitnehmen zu seinem Cousin, sie will den Teppich. Er nervt. Aber ihr Problem. Einkäufe wegbringen, viele Einkäufe. Ab in die Moschee. Sehr lustig. Mädels tragen übergroße Regenmäntel um den religiösen Anstand zu wahren oder einfach als Belustigung für die Besucher zu dienen. Tolle Moschee, große Moschee, unglaublich teuere Moschee. Ein bisschen wie der Vatikan und Johannes der Täufer liegt hier auch rum. Unglaublich. Danach Saladin-Denkmal, der alte Saladin, tot ist er, aber nicht vergessen. Arabische Machtphantasien verkörpert in einem Sarkophag aus Stein. Essen gehen! Lecker, lecker, über den Dächern der Stadt, ich bin glücklich, es gibt viel Fleisch. Bin danach satt! Treffen uns mit den Jungs in einem Kaffee und lauschen arabischen Geschichten, wow!, toller Vorleser. Bin schwer beeindruckt, habe aber nichts verstanden. Er hätte auch Kochrezepte vorlesen können.
Treffen mehr Sprachschüler. Auch eine Spanierin, will aber Januar nach Amman kommen. Neue Mitbewohnerin? Vielleicht. Mal schauen. Ist mir gerade egal. Mond erhellt Damaskus, tolle Fotos machen. Wenn ich es doch nur könnte. Der Anspruch zwischen Wollen und Wirklichkeit ist immens. Damaskus bei Nacht. Jetzt sogar ganze Nacht, der Strom fällt aus im Stadtviertel. Witzige Sache, Kerzen werden erzündet, Handys erleuchten unseren Weg. Strom wieder da. Schade. Hätte gerne mehr Fotos gemacht. Assads Syrien leuchtet wieder. Wieder Richtung Christenviertel. Mehr einkaufen. Nicht ich, die Mädels. Kaufen Flöten, auf Hinweis von Lukasch. Toter Mann, dieser Lukasch, sofern die Mädels damit spielen sollten. Schlendern, Bummeln, Shoppen. Kaufe mir einen Schal für zwei Euro in zwanzig Sekunden. Helena kauft keinen Schal und braucht dafür 20 Minuten. Finden einen DVD-Laden, tolle Auswahl. Der Grund, warum ich nächsten Monat nochmal nach Damaskus will. Kaufe „Citizen Kane“ bin ja Citizen Reimer, praktisch. Weiter Schlendern. Trinken Saft, lügen über meine Herkunft, denn ich will nicht mehr über Hitler reden mit ungebildeten Menschen. Komme jetzt aus der Schweiz. Kaum gesagt, steht ein echter Schweizer hinter mir. Redet Schwitzerdeutsch mit mir. Lächele, verstehe wenig. Bin ich aber gewohnt. Versuche ihn aufzuklären. Versteht mich auch nicht richtig, jetzt studiere ich in der Schweiz und wohne in München. Syrer spricht französisch mit mir, komme ja aus der Schweiz, Mädchen amüsieren sich prächtig. Ich auch. Aber nur innerlich. Morgen komme ich lieber aus Schweden. Oder Iceland. Nach Hause gehen, ins Bett gehen. Reden. Einschlafen. Aufwachen, noch nicht morgens. Lukasch schnarcht, Helena schnarcht, ich starre an die Decke. Eine Stunde, zwei Stunden oder doch nur 20 Minuten. Mein Bett knarrt. Zeit ist relativ. Schlafe wohl ein, erwache, Mädchen sind ungeduldig, bin ihnen zu langsam. „… die Augen sind zu und der Körper ist ruhig, doch die Stadt schreit laut und sie schreit durch mich durch..“. Haben scheinbar besser geschlafen. Gehen zu einem Palast, mitten in der Stadt, versteckt, kaum Publikum, wie ein Zombie mache ich Photos.
Gehen einkaufen. Mal wieder. Heute: Süßigkeiten. Süße Mädels, die Naschkatzen, kaufen viele süße Sachen, ich begnüge mich mit Kostproben. Noch ein bisschen Schmuck, noch ein bisschen Bummeln, die Zeit vergeht, die Zeit des Aufbruches naht. Zurück in die Unterkunft, Sachen nehmen, aufbrechen. Fußmarsch, langer Fußmarsch. Zum Busbahnhof. Fahren mit einem Linienbus. Sehr voll. Bin zu warm angezogen. Fühle mich nicht wohl. Fühle mich zerdrückt. Endlich, es wird leer, finde einen Platz neben einem Veteran. Obacht! Fahrkartenkontrolle, finde Fahrkarte wieder. Glück gehabt. Weniger Glück für den Veteran, Karte nicht gültig. Erhitze Gemüter diskutieren auf Arabisch, werde von meinem Sitz gebeten, vier Männer gegen ein, er sieht seine aussichtslose Lage ein und bezahlt die Strafe. Sauer ist er danach. Ich bin genervt, versenke mich mit Belle & Sebastian in eigene Meleodien, in meinen Rhythmus, endlich an der Endstation. Busbahnhof am Arsch der Welt, weit weg. Treffen die Jungs, ihre Uni ist in der Nähe. Sagen Goodbye, fahren los. Kommen zur Grenze. Warten auf, aber nicht auf Becketts Romanfigur, sondern auf die Abfertigung. Ausländer kommen schneller aus Syrien. Neues Visa für Jordanien, auch für Veru, aber sie hat doch Mehrfachvisum, warum also zahlen, große Diskussion, Tränen fließen wohl, war eine schwere Woche für sie. Sie ist überreizt. Trösten. Mal wieder. Egal, Amman kommt näher, Freude kommt nicht auf. Vermisse Damaskus und bin hungrig. „...was bleibt ist nur der Rauch, in den man so gern taucht, bevor es wieder klar wird, verschwind’ ich lieber auch…“



